Fotoausstellung im Haus am Strom

Besuchen Sie eine einzigartige Ausstellung mit herausragenden Naturaufnahmen und betrachten Sie die Welt aus einer anderen Perspektive.

 

 

 

 

 

 

 

Lichtblicke in den Donauleiten

Eröffnung der Fotoausstellung „Leitenwald“ (Aßmann, Fehrer, Dr. Ritt) am 19. März 2010 im Haus am Strom

 

Auf einem der Ausstellungsbilder prangen drei Fruchtkörper eines Stäublings, wie von der Fliehkraft einer raschen Drehung nach außen gezogen, so dass der, der gerade beherrschend im Vordergrund erscheint, in Sekunden-Bruchteilen vom Nachbarn abgelöst wird. Neben dem Bild stehen die Namen der gleichfalls drei Ausstellenden; das Pilzfoto mag für sie stehen. Die Gleichwertigkeit ausdrückende Reihung der Namen nach dem Alphabet zeigt ‒ wie der Umstand, dass die drei zusammen bereits zwei Ausstellungen bestritten haben ‒ dass sie’s „gut miteinander können“.

„Leitenwald“ heißt das Thema. Es wird in aller Breite angegangen – vom wenige Zentimeter großen Buchenkeimling bis zum Landschaftsausschnitt. Ich aber kann keinen gerundeten Beitrag zur Vernisage bieten, sondern nur einige unzusammenhängende Lichtblicke in den Leitenwald.

Leitenwald-Lichtblick 1: Die Leiten.

Wer nicht zu den bodenständigen Bayern zählt, mag mit dem Begriff „Leite“ Schwierigkeiten haben. Nicht nur in Landshut führte dies dazu, dass man dort für die Randhänge des Isartals seit ein paar Jahrzehnten den doppelt gemoppelten Ausdruck „Hangleiten“ verwendet. Das klingt Respekt erheischend fachlich; noch grandioser wäre vielleicht „Abhangleite“ gewesen und die Krönung ein „Hangleitenabhang“. Hangleite kommt wiederholt auch in Schutzgebietsnamen vor; wir konnten unseren Donauleiten dieses Schicksal ersparen. Das wäre in der Tat ein unverdientes gewesen, denn unsere Leiten haben es nicht nötig, mit Namen zu protzen: Sie haben wirklich etwas zu bieten.

Leitenwald-Lichtblick 2: Die Leitenbäume.

Unsere Leiten am Randbruch der Donau sind zumeist hartes Brot für die Bäume: Voll in die Sonne gekippt, oft beängstigend steil, örtlich von Gesteinsschutt überdeckt und immer wieder mit Felsabstürzen, an denen der Wald seine natürlichen Grenzen findet und wo in sommerlichen Trockenperioden das Laub an den Bäumen verdorrt. Das sind keine Standorte für Uniformierte, wie sie uns in den aus möglichst altersgleichen Bäumen aufgebauten Fichten-Monokulturen entgegen stehen. In den Leiten herrscht eine bunte Gesellschaft von Individualisten, früh gezeichnet von den Spuren eines Lebens, das den „ganzen Baum“ fordert: Säbelwuchs, mit dem Schieflagen ausgeglichen werden, Blessuren von herunter gesprungenen Steinen, Krüppelwuchs wegen des häufigen Wassermangels. – Kaum ein Baum gleicht dem anderen; faszinierende Baumgestalten, oft bizarr: Holz gewordene illustrierte Biographien anstrengender Lebensläufe.

Dazu kommen die Oligophyleten, zumal Hainbuchen und Winterlinden, die sich mit dem Abgeschnitten-Sein durch den Waldbauern nicht aufgegeben haben, sondern einer Hydra ähnlich mehrstämmig  regenerierten. Überhaupt gilt, dass die Leite nichts ist für Kampfmüde, Zaghafte und Depressive. Geknickt oder halb entwurzelt – es zählt nur eines: Die Zukunft, und das heißt mit aller Lebensenergie vorwärts, aufwärts zum Licht streben. Hier können uns die Leitenwald-Bäume Vorbilder sein, bei etwas anderem aber nicht: Ihrer holzigen Härte: Als Jugendlicher war ich auch ein Vertreter des „Gelobt sei, was hart macht.“ Heute weiß ich, dass uns als Menschen das Gegenteil besser steht und wie kostbar trotz seiner Verletzbarkeit das Weiche und Empfindsame ist.

Leitenwald-Lichtblick 3: Der Mensch in der Leite.

Sie ist nichts für Massentourismus, und wer die Natur hier im Naturschutzgebiet als bloße Kulisse für sportliches Treiben betrachtet, ist am falschen Ort. Sie ist etwas für den Individualisten, den Einzelgänger oder die überschaubare Gruppe, etwas für das intime Erleben. Die dem Schutzgebiet und seinen Lebewesen geschuldete Form der Fortbewegung ist das Lustwandeln mit viel Zeit zum Verweilen. Was ist hier doch alles zu erleben! Eine unerschöpfliche Erlebnisquelle ist das Gebiet. Für den Anfänger in Sachen Natur ist bereits die Vielzahl verschiedener Baum- und Straucharten eine Herausforderung, darunter Berg-, Feld- und Flatterulme, Berg-, Spitz- und Feldahorn, Stiel- und Traubeneiche, Sommer- und Winterlinde sowie die seltenen Arten Elsbeere und Pimpernuss. Der Romantiker wird nicht nur von dem Kontrastprogramm von submediterran anmutenden Eichen-Krüppelwäldern bis hin zu Sturzbächen in den kühlen Waldschluchten fasziniert sein. Und wer schöne Blumen schätzt, wird von Alpenveilchen und Orchideen, Graslilie und vielen anderen begeistert sein. Spätestens im März beginnt die Pracht mit Leberblümchen, Märzbecher und Echtem Schneeglöckchen. – Von der beglückenden Begegnung mit seltenen Tieren wird gleich noch die Rede sein.

So großartig der Leitenwald vielfach schon jetzt ist – wir dürfen uns freuen und noch mehr freuen darauf, künftig noch Beeindruckenderes zu erleben, dürfen sich unsere Kinder und Kindeskinder: Es ist ein Glücksfall, dass der Landesbund für Vogelschutz und dann auch Landkreis und Stadt Passau im Rahmen eines österreichisch-deutschen LIFE-Projekts Leitenwald-Flächen kaufen und damit Raum für eine vom Menschen künftig nicht mehr gestörte Naturwald-Entwicklung schaffen konnten ‒ Raum für gänzlich natürliches Werden und Vergehen mit seinen ergreifenden Bildern.

Leitenwald-Lichtblick 4: Wahrträume.  

In unserer Jugendzeit wurde die Vision genährt, der technische Fortschritt würde uns in eine gerechtere, leidensärmere, humanere Welt führen – ein Zeitalter mit viel Muße und der Möglichkeit zur Selbst-Verwirklichung für Jeden. Wir sehen uns heute bei jedem dieser Aspekte bitter enttäuscht.

Umso tröstlicher ist es, erleben zu dürfen, dass hier in den Donauleiten die Versprechungen unserer Kinderbücher, die Bilder einer Wunder-vollen Naturwelt Wirklichkeit sind – Lebensräume voller Geheimnisse, in denen sich der Feuersalamander übers dampfende Moos schiebt, der Hirschkäfer mit seinem Geweih prunkt, die schillernde Echse über den Felsen huscht, die Schlange auf dem Ast ruht und der weise Uhu in die Nacht ruft. – Das sind Erlebnisse, die versöhnen. Was für ein Glück, solche Schätze in unserer Nähe zu haben!

Die drei Fotografen vermitteln mit großartigen Bildern eine Ahnung von dem, was uns draußen erwartet. Sie zeigen selten Gesehenes und Lenken den Blick auf zu Unrecht Übersehenes. Sie vermitteln die vielen Erscheinungen der Leiten eigene Ästhetik, zum Teil mit dem Blick des geschulten Graphikers. Und nicht zuletzt drücken ihre Fotos viel Symbolhaftes aus, etwa mit dem Buchenkeimling, dessen verwachsene Keimblätter eben die Bucheckernhülle gesprengt haben und noch ganz zerknittert das Wagnis des Lebens beginnen.

Es ist überfällig, ein paar Worte zu den Fotografen selbst zu sagen:

Otto Aßmann ist Landschaftsökologe. Unter Anderem hat er mehrfach für die höhere Naturschutzbehörde an der Regierung Erhebungen und Planungen zu bestehenden und geplanten Naturschutzgebieten gemacht. Eines der ersten dieser Projekte war der Pflege- und Entwicklungsplan für die Donauleiten hier. Bei der Planung und erfolgreichen Umsetzung des erwähnten LIFE-Projekts „Hang- und Schluchtwälder im oberen Donautal“ in den vergangenen Jahren hat er eine entscheidende Rolle gespielt.

Herr Aßmann ist auch ein begeisterter und sehr kompetenten Herpetologe, also Fachmann für Reptilien und Amphibien oder Lurch- und Kriechtier-Kundler. Er hat auf diesem Gebiet eine Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten veröffentlicht, und diese Tiere haben ihn auch dazu veranlasst, seinen Lebensmittelpunkt nach Obernzell, in das reptilienreichste Gebiet Deutschlands zu verlegen.

Zu Markus Fehrer aus Obernzell ist Werbegrafiker und fotografiert seit seinem zwanzigsten Lebensjahr. Er hat an prächtigen Bildbänden mitgewirkt hat, wobei seine bevorzugten Motive Landschaften, graphisch reizvolle Details, Licht- und Schattenspiele, aber auch Stimmungen sind. Hier sind etliche Bilder ausgestellt, die durch ihre graphische Wirkung hervorstechen und sich damit gleich als seine Werke erkennbar geben.

Dr. Rudi Ritt als dritter Ausstellender ist eigentlich Zahnarzt in Hauzenberg. Er beeindruckt durch breites naturkundliches Interesse und durch die Fachkompetenz, die er sich auf dem Gebiet der Schmetterlinge erworben hat, besonders auch der riesigen Gruppe der Nachtfalter. Unter anderem leuchtet er seit einigen Jahren regelmäßig im Randbereich des Naturschutzgebiets „Donauleiten“, um die Nachtfalter anzulocken und zu bestimmen. Er hat bereits bedeutendes zur Kenntnis über diese Tiere in unserem Raum beigetragen und im letzten Heft der Zeitschrift „Der Bayerische Wald“ einen großartigen Artikel zu dem Thema publiziert. – Obernzell war auch im Leben von Dr. Ritt eine entscheidende Station: Er ist dort im unmittelbaren Kontakt mit den Donauleiten im heutigen Naturschutzgebiet aufgewachsen und hat deren Schätze schon von Kindesbeinen an erleben dürfen.

Es dämmert. Letzter Leitenwald-Lichtblick: Anpassungen.

Menschen vernichten Natur, arbeiten gegen sie und verkennen dabei, wie sehr sie ihrer bedürfen – bedürfen aufgrund ihrer Angepasstheit. Anpassung ist ein biologisches Urphänomen. Auf längere Zeit gleich bleibende oder in ihrem Wechseln regelmäßige Bedingungen reagieren Organismen mit Anpassungen. Einmal angepasst, passen zum Angepassten am Besten die Bedingungen, an die er angepasst ist: Optimal leben kann er unter diesen.

Auch wir Menschen sind aus der Natur hervorgegangen und haben einen  Jahrmillionen umfassenden Anpassungsprozess hinter uns. Er bedeutet umgekehrt, dass wir dieser Natur bedürfen: Im Leben aus und mit der Natur liegt unser Wohl – das eines jeden Einzelnen wie jenes der menschlichen Gesellschaften.

Überwältigend ist dabei, dass unsere Anpassungen weit über den körperlichen Bereich hinaus gehen. Dass der Gesang eines Vogels unsere Seele bewegen, uns der Anblick einer Blume entzücken und ihr Duft betören kann, ist nicht selbstverständlich. Es beweist, dass wir selbst im Psychischen von der Natur geformt sind und umgekehrt zum gesund Bleiben auch Seelennahrung aus der Natur benötigen.

Doch es genügt nicht, das so einseitig zu betrachten: Nicht nur wir bedürfen der Natur, entgegen verbreiteten Auffassungen braucht sie auch uns: Die Natur bedarf unser, wahrgenommen und damit bewusst gemacht zu werden. Und sie bedarf unser, bestaunt und geliebt zu werden. Denn wer sollte dies sonst tun?

Es ist daher an uns, sie zu erforschen und zu erfassen, zu erfahren und zu begreifen, vor allem aber sie zu lieben und durch Werke eigener Liebe zu ergänzen. ‒ In diese Ausstellung ist zweifellos ein gerüttelt Maß solcher Liebe investiert worden.

 

Zum Schluss wünsche ich den Ausstellenden und allen, die sich zusätzlich für die Ausstellung engagiert haben, dass die Bilder nicht nur ein erstauntes „Schau! Ui! Oh! Ou! Wau!“ auslösen, sondern auch bei vielen Betrachtern die ihnen innewohnenden Botschaften „landen“ können und etliche zu „Leitenfans“ werden lassen.

Und mir machen die Fotos bereits jetzt so viel Appetit auf das leibhaftige Donauleiten-Erlebnis draußen, dass ich es kaum noch erwarten kann. Ich hoffe, dass es Ihnen ähnlich geht!

Dr. Willy Zahlheimer, Passau, 19. März 2010

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